Reisebericht – policult in der Ukraine: Ein Stimmungsbericht aus Odessa

Das Ende der Sommerpause nutze ich dieses Jahr, um das Science Slam Team in der Ukraine dort zu unterstützen, wo es angefangen hat, in Odessa. Wie ist die Stimmung in der Hafenmetropole, gut 500km vom Bürgerkrieg im Osten der Republik entfernt?

Was die meisten als Urlaubsziel am Schwarzen Meer auf dem Schirm hatten, rückte im vergangenen Jahr kurz ins Zentrum der politischen Weltöffentlichkeit, als bei Demonstrationen ein Gewerkschaftshaus angezündet wurde, in dem sich Demonstranten aufhielten und es zahlreiche Tote gab. Zum Glück wurde die Stadt über die tragischen Tage hinaus nicht weiter in den Sog der Krise gezogen.

Überhaupt bekomme ich wenig mit von den militärischen Auseinandersetzungen, die seit Beginn vor einem Jahr etwa 8.000 Tote forderten. Die Nervosität scheint sich gelegt zu haben, Odessa als Teil von ‘Neurussland’ schien zwischenzeitlich eine Option. Die Stadt hatte dieses Jahr nicht etwa weniger Touristen als sonst, sondern wesentlich mehr. Schließlich fällt die Krim als Urlaubsziel für Ukrainer aus. Einzig eine kleine Ausstellung auf dem Platz vor dem Rathaus, organisiert von einer rechten Partei, in der Kriegsfotos und Militärgerät gezeigt werden, gibt einen Fingerzeig. Hin und wieder gibt es kleinere Bombenanschläge, die aber bisher keine Opfer forderten. Beim deutschen Stammtisch im Café ‘Bier und Freunde’ erzählt man mir, heute sei ein prorussischer Separatist zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Man rechne mit irgendeinem Attentat in der Nacht. Ob sie besorgt seien? ‘Man kann doch nicht ständig Angst haben.’ Ich erzähle nicht, daß ich mich beim Auswärtigen Amt registriert habe.

Einige Tage später, unterwegs mit einem Journalisten. Sein Telefon klingelt, ein kurzer Wortwechsel. Dann: ‘Es hat eine Explosion gegeben, ich mache schnell ein paar Fotos. Hast Du Lust mitzukommen? ‘Hm, eher nicht so’ ‘Ach komm, ist doch schon vorbei.’ Eine Minute später erneut das Telefon, Entwarnung. Ein großer Brand, irgendwo, und wir müssen nicht hin. Gut gegangen.

Die Odessiaten selbst meiden die Themen Politik und Krieg lieber, und ich muß schon konkret nachfragen, um Aussagen zu bekommen. Diskussionen meiden dabei alle, diesen Deal haben sogar beste Freundinnen, um Streit zu vermeiden. Ich verbringe viel Zeit mit einer Halbrussin und einer Ukrainerin, beides Slammerinnen, und wir reden viel über allerlei unverfängliche Dinge, die Sprache, über Berlin und über ihre eigene Stadt. Olga, die einen russischen Vater und eine ukrainische Mutter hat und auf beide Nationalitäten gleich stolz ist, schärft mir auf dem Weg zum Restaurant ein, was ihrer Freundin gegenüber kein Thema sein soll. Auf Nachfrage reden wir immerhin zu zweit über Politik. Irgendwann entrutscht ihr das Wort ‘Weltkrieg’ und sofort entschuldigt sie sich, weil sie das Thema mir gegenüber hätte meiden müssen. Muß sie nicht. Trotzdem haben wir alle einen äußerst unterhaltsamen Abend, der erst nach Beobachtung des Sonnenaufgangs am Strand ein Ende findet.
Vorher haben wir aber noch kräftig im True Man Club gefeiert, einem Rock-Club in der Pushkin-Allee im Zentrum, der regelmäßig live-Musik bietet. Die Stimmung ist klasse, das Alter gemischt. Wenn die Cover-Band ukrainische Lieder spielt, ist die Stimmung am ausgelassensten, dann singen sie alle lauthals mit.

Offenkundig wird die Krise allerdings beim Blick auf die heimische Währung, den Hrywna. Die Währung hat einen dramatischen Verfall erfahren, aktuell steht der Kurs bei 25 Hrywna für einen Euro. Das sind in etwa 40% Minus seit der Annektion der Krim. Die Preise haben entsprechend angezogen und Einkäufe über beliebte Online-Shopping-Portale, auf denen in Euro oder USD gezahlt wird, können sich nur noch die wenigsten leisten.

Was besonders ins Auge fällt, wenn man sich mit den Menschen auseinandersetzt, ist das enorme Arbeitspensum. NachwuschwissenschaftlerInnen machen schnell mal 90 Stunden, an 7 Tagen in der Woche. ‘Wann warst Du das letzte mal abends aus?’ frage ich? ‘Vor zwei Monaten.’ Umso wertvoller ist die Zeit, die sie mit ihrem Gast aus Deutschland verbringen. Gerade ist es besonders stressig, das Semester hat begonnen. Lehre ist für sie das Größte, da sind sich alle strahlend einig, das Gehalt leider nicht so. Es ist schwer vorstellbar für mich, damit über die Runden zu kommen. Im Zweifelsfall teilt man sich ein Zimmer in einer Mehrzimmerwohnung im Zentrum, klassisch sowietisch halt. Parallel zur Lehrtätigkeit arbeiten sie an ihrer Dissertation, ansonsten gäbe es keine Lehrerlaubnis. Der Taxifahrer, der mich letzte Nacht nach Hause bringt,  – er ist sein eigener Boss – erzählt, daß er seit 16 Stunden quasi ununterbrochen am Steuer sitzt. Ziemlich glaubwürdig, gähnt er doch alle 100m, was bei der Geschwindigkeit, die er an den Tag legt, ziemlich viel ist. Ein anderer Taxifahrer sagt, er sucht noch einen zweiten Job. Und, frage ich, wieviel Stunden machen Sie am Tag? Antwort: 12 – 14. Zweitjobs sind eher die Regel als die Ausnahme. Ein befreundetes Ehepaar, mit Kind,  hat insgesamt vier Jobs und kann sich doch nur 1 Zimmer leisten. ‘Burn out’ gibt es hier nicht, kannst Du Dir schlicht nicht leisten’ sagt ein deutscher Geschäftsfreund. Kein Wunder. Hier gibt es private und staatliche Krankenhäuser. In Staatlichen ist die Behandlung umsonst, aber Du kriegst keine Medikamente. Und private Krankenhäuser sind meist zu teuer. Anästhetika und andere Medikamente sind also ein heiß begehrtes Mitbringsel.

Unter solchen Umständen einen Science Slam zu organisieren ist eine echte Herausforderung. Es ist gut, dabei gewesen zu sein. Zum Abschied bringt mich das Team zum Flughafen, für mich geht es weiter nach Samara an der Wolga, wo bald das 1. All-russische Finale stattfinden wird.

Der Slam wird im zweiten Teil des Reiseberichts Thema.